Elitäre Diskussionen: nutzlose Scheiße oder nutzbringender Dünger?

Elitäre DiskussionenIch las in letzter Zeit viel von Anatol Stefanowitsch, einer zweifelsohne sehr klugen Person mit der ich in vielen Dingen übereinstimme (Anatol Stefanowitsch: tumblr, Twitter und höchst hörenswerter re:publica 2014 Vortrag für jene, die ihn nicht kennen).

Ein Gedanke der mir dabei immer und immer wieder durch den Kopf geht ist der folgende: Diskussionen über Feminismus, gendergerechte Sprache, politisch sinnvolle Veränderungen und andere tolle Ideen aus klugen Köpfen sind vor allem eines – elitär. Sie finden dort statt wo Menschen mit einem tendentiell hohen Bildungsniveau (sei dies über unser verkrüppeltes Bildungssystem, autodidaktisch oder sonstwie erworben) unterschiedlicher Meinungen aufeinander treffen.

Die einen sagen “Hui, also, bei dem Wort “Akademiker”, da sind Frauen für mich nicht einbegriffen, wer will schon “mitgemeint” sein, wir brauchen eine Lösung, da muss was anderes her.”, die anderen sagen “Na, macht mal halblang, dass ist das generische Maskulinum, das hat sich einfach sprachhistorisch so entwickelt und nur weil das grammatische Geschlecht männlich ist, heißt das nicht, dass nur Männer gemeint sind.”. Dann kommt noch eine dritte kleine Gruppe die sagt “Ich empfinde mich aber weder als Frau noch als Mann, was ist mit Intersexuellen und Trans und…”.

Ich stand, und stehe immer noch, eher auf der zweiten Position, was hier eigentlich unerheblich ist, ich möchte es aber trotzdem erwähnen. Ich habe es für mich nämlich nie als Problem empfunden, wenn ich mit einer solchen Bezeichnung angesprochen wurde. Problematisch fand ich immer nur solche Sachen wie “Feuerwehrmann” und “Krankenschwester” die eben die Grenzen des grammatischen Genus überschreiten.

An der Diskussion um das Binnen-I und die vielen anderen Variationen die inzwischen im Umlauf sind (AkademikerInnen, Akademiker_innen, Akademikerinnen, Akademikx und vermutlich noch x andere), lässt sich allerdings gut illustrieren was ich meine.

Man stelle sich folgende Situation vor: Otto Normal und Lieschen Müller sitzen gemeinsam beim Feierabendbier vor dem Mietshaus in dem sie wohnen. Sie unterhalten sich:

“Also, die Kolleg’n heute wieder, nä?”
“Jow und die Chefs wieder nüscht jesacht.”
“Bei die inne Abteilung wär ich och gern.”

Nun stelle man sich die Situation erneut vor, vorzugsweise laut gelesen und ersetze “Kolleg’n” durch “KollegInnen” und “Chefs” durch “ChefInnen” (oder die bevorzugte genderneutrale Variante).

Das Binnen-I (und Co) mag in einem wissenschaftlichen Text angehen. Man kann Ämter und Co. davon überzeugen es in ihrem Schriftgebrauch zu verwenden. Aber: mündlich ist es nutzlos. Egal wie sehr ich es versuche, ich kann das Binnen-I nicht alltagssprachlich brauchbar machen und ich habe auch noch nie jemanden getroffen, der das glaubhaft konnte. Sobald da dann jemand kommt und die umständliche Variante verwendet “Akademiker und Akademikerinnen”, kommen nämlich auch sofort wieder Kritiker an, die sich beschweren, dass die Frauen (oder, wenn man’s umdreht die Männer) in der Satzstellung nicht priorisiert werden und was sei eigentlich mit Trans- und Intersexuellen? Davon abgesehen ist es, wie schon geschrieben, umständlich.

Es gibt jetzt sicher auch Leute die sich darüber aufregen werde, dass ich das Beispiel im Pseudodialekt geschrieben habe, vermutlich um damit ein bestimmtes Bildungsniveau von Otto Normal und Lieschen Müller zu signalisieren. Außerdem sind Otto Normal und Lieschen Müller kein diverser Querschnitt aus der Bevölkerung und überhaupt sollte ich mich doch von dem Elitedenken lösen… ich fasse das jetzt mal ganz platt zusammen “Blahblah”*.

Sprache ist, zum Glück, etwas sehr veränderbares, etwas sich stetig wandelndes und kein festes Konstrukt. In der Sprache setzten sich bisher vorwiegend die Dinge durch, die praktisch waren. Das betrifft sowohl die Grammatik (man denke nur an den leidvollen Abstieg des Genitives vom Genitiv) als auch die Bedeutung von Worten (man denke an die Pejoration von Weib, welches es immerhin zum klassischen Beispiel geschafft hat). Das passiert auch im Zusammenhang mit technischem Fortschritt, wissenschaftlichem Fortschritt und gesellschaftlichem Fortschritt. Durchsetzen wird sich, was den Umgang mit den uns umgebenden Dingen ermöglicht und vereinfacht. Es bringt schlicht und ergreifend erst mal nichts, wenn wir in unserem Elfenbeinturm sitzen und mit hübschen Begriffen um uns werfen, weil wir alle Foucault gelesen haben. Da passiert Sprache nicht.

Das ganze erinnert so ein bisschen an früher, man rufe es sich ins Gedächtnis: Das gemeine Volk sprach Deutsch, der Klerus und andere “Eliten” Latein. Hat nicht funktioniert und irgendwann kam einer auf die Idee vielleicht doch mal die Volkssprache zu benutzen um mit dem Volk zu reden. Erinnert ein bisschen an die täppischen Versuche heutzutage solche Dinge wie Parteiprogramme in “einfache Sprache” zu übersetzen, aber irgendwann hatte das ganze Unterfangen dann doch Erfolg.

Wer mich kennt, weiß, wie sehr ich Sprache und Sprachen liebe und mein Partner weiß, zu seinem Leidwesen, dass man mich mit einer unbedachten Bemerkung über Sprache gleich mehrere Stunden auf Vortragsmodus umschalten kann. Ich finde es supertoll, wenn versucht wird, Sprache weniger diskriminierend zu machen. Ich glaube nur, dass das ein ganz falscher Ansatz ist. Die Diskriminierung passiert nicht weil die Sprache ist wie sie ist; sondern weil die Diskriminierung passiert, ist die Sprache wie sie ist. Eine Änderung “von oben” halte ich für nicht möglich.

Auch so Dinge wie das Umschreiben von Büchern und Neuauflagen in nicht rassistischer / sexistischer / sonstwas Sprache halte ich gelinde gesagt für Bullshit. Vor Jahrenden als ich den Bremer Sprach(b)log las, wurde geschrieben, dass man Pippi Langstrumpf” vorgelesen habe und dabei das Wort “Negerprinzessin” durch das Wort “Südseeprinzessin” ersetzt habe (auch von A. Stefanowitsch, es gab dazu auch ein Update mit Erläuterungen zum Übersetzungsproblem). Damals verlor mich der Blog (vorübergehend) als Leserin.

Warum? Ich finde es unverantwortlich wenn Eltern nicht in der Lage sind mit ihren Kindern über “gute” und “schlechte” Sprache zu reden. Auch ein Kind kann verstehen, dass man etwas früher anders gesagt hat als man es heute sagt. Spätestens wenn sie mit Kindern aus anderen sozialen Gruppen zusammenstoßen, werden sie bemerken, dass es eine Welt gibt in der sich Leute vor Lachen am Boden kringeln, wenn sie hören wie “politisch korrekte” Sprache verwendet wird.

Was “das N-Wort” braucht ist keine Nichtung, sondern ein Bedeutungswandel. Man macht den Rassismus nicht ungeschehen, weil man aufhört Neger zu sagen. Im Gegenteil: man öffnet ihm sogar eine Tür, man überlässt ihm einen Begriff. Jeder Rassist kann “Neger” sagen und alle werden genau das verstehen, was er meint: eine Abwertung, eine Beschimpfung eines dunkelhäutigen Menschen. Anstatt also die Angst vor dem Wort zu mindern, uns das Wort anzueignen und in einen positiven Rahmen zu stecken, versuchen wir das Wort aus dem Sprachgebrauch zu streichen. Erinnert ein bisschen an Harry Potters “Der, dessen Name nicht genannt werden darf”. Die Angst vor dem Wort wird gesteigert und die Sache dahinter zu einem unbesiegbaren Monster stilisiert. Liebe politisch korrekte Eltern, nehmt euch doch lieber die Zeit und erklärt euren Kindern, wie das Wort verwendet wurde, warum man es heute kaum noch verwendet und was sie statt dessen sinnvoller Weise sagen können.

Was geschaffen wird, während wir uns munter über gendergerechte, nicht-rassistische, nicht-diskriminierende Sprache unterhalten, ist nichts als ein Soziolekt. Es ist eine Form des Deutschen (und Englischen), die nur von einer bestimmten sozialen Gruppe genutzt wird und auch nur innerhalb dieser verstanden werden kann (Anmerkung: so wie sie gemeint ist).

Die Probleme die diese Sprachverwendung auflockern soll, existieren aber in einer ganz anderen Welt. Und die Elite grenzt sich durch ihre Sprachverwendung eher noch weiter ab. Anstatt die Probleme direkt anzugehen, wird eine Nebensprache geschaffen, die nur Eingeweihte verstehen können. Der Kontakt zu jener “anderen Welt” (a.k.a Nicht-antidiskriminierendeantirassistischeantiheteronormative-Sprachverwender-Welt) ist ohnehin schon dürftig. Man bewegt sich in seinem Dunstkreis irgendwie linksgrün-politischer und supertoleranter Menschen mit hohem Bildungsstandard und in diesem verwendet man diese bestimmte Sprache – nicht einmal da funktioniert sie einheitlich (siehe die zahlreichen Schreibweisen um eine gendergerechte Sprache zu erreichen). Ist doch einmal der Kontakt zu der anderen Welt da und verwendet man diese Sprache muss man sich ganz schnell erklären – nur um dann oft auf Unverständnis zu stoßen – ja ist denn das alles wirklich so schlimm wie wir es machen?

Ich fände es besser, würde die Energie dazu verwendet, dort wo es relevant ist ein Umdenken zu erwirken – in den Kindergärten, den Schulen, in den Marketingabteilungen,…

Doch das würde nicht funktionieren. Nicht auf Anhieb, nicht sofort. Denn was die elitäre Diskussion leisten kann, ist eine Sprache zu liefern mit der über das Problem gesprochen werden kann. Erst wenn diese Sprache existiert und selbst wenn sie nur im kleinen Kreise genutzt werden wird, ist es über sie möglich das Umdenken anzustoßen.

Dass allerdings die Sprache dann übernommen wird, halte ich für unwahrscheinlich. Sollte irgendwann ein flächendeckendes, wenngleich langsames Umdenken beginnen, wird sich eine antidiskriminierendeantirassistischeantiheteronormative Sprache ausbilden, die vermutlich wenig mit dem zu tun hat, was wir heute zu diesem Zwecke nutzen.

Hier liegt der Fehler einiger Diskussionsteilnehmer: sie versuchen eben diese Sprache alltäglich zu gebrauchen und hören auf zu verstehen, dass die Welt noch nicht da ist wo die Diskussion ist und dass man sein Handeln-in-der-Welt nicht zwangsläufig ebenso gestalten kann wie sein Denken-über-die-Welt und sein Reden-von-der-Welt.

Die Diskussion ist also mitnichten nutzlose Scheiße – ihre (Zwischen-)Ergebnisse werden nur häufiger als solche verwendet. Um sie als Dünger für ein Umdenken verwenden zu können muss nicht nur darüber geredet werden welche Sprache sinnvoll ist, sondern auch wofür diese Sprache sinnvoll ist.

Denn wenn die geschaffene Sprache falsch aufkommt, dann kann sie auch schaden, kann zurückwerfen. Wer solche “internetkulturellen” Webseiten wie 9gag regelmäßig verfolgt der wird dort zum Beispiel eine ungeheure Menge antifeministischer Posts finden, die in der Regel auf nichts anderem Beruhen als Unverständnis. Das ist deshalb so traurig, weil die Reichweite eines Memes auf 9gag ungleich größer ist als die eines noch so klugen feministischen Blogbeitrags.

Und deswegen sehe ich manche Kritik an Aktionen wie z.B. “Tolerant? Sind wir selber” zwiespältig. Natürlich zitiert diese Aktion nichts anderes als eben die heteronormative Welt. Aber, auch wenn ich jetzt einen Gemeinplatz zitiere: Man muss die Menschen da abholen wo sie stehen. Wer die Welt bisher nur so verstanden hat, der kann vielleicht darauf aufmerksam gemacht werden, dass es andere Möglichkeiten geben könnte. Wenn man ihn aber unvermittelt in eine quasi andere Welt stellt, wird er vermutlich vor allem eines – Angst bekommen. Was hingegen erreicht werden muss, damit ein Umdenken passieren kann ist eben kein Erschrecken sondern ein Neugierig-machen, das Hinterfragen von Dingen anzuregen und Optionen aufzuzeigen.

Klingt flachphilosophisch, ist es auch, wird aber gern vergessen. Danke für Eure Aufmerksamkeit.

 

*Blahblah heißt in diesem Falle: Vielen Dank für deine geschätzte Meinung, allerdings ist dein Feedback für das Thema über welches geschrieben wird unerheblich. Selbstverständlich nehme ich es dennoch gern an.

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2 thoughts on “Elitäre Diskussionen: nutzlose Scheiße oder nutzbringender Dünger?

  1. Tach Frau Siev-at/ers

    hab da ma so rumgestöbert ne.
    Echt nen coolet Ding die Seite.
    Der Beitrach liest sich ma so richti geschmeidich.
    Voll toffte.

    Ne – Im Ernst…
    Wusste nicht das du nen Blog hast –> Find ich klasse das du den Blog betreibst (-:
    Spannendes/Lustiges Zeug hier zu finden.
    Der Beitrag oben liest sich echt ‘erfrischend’!

    So nun ist aber schluss mit Ruhm und Ehre – Man/n muss ja auch mal meckern!

    Watt soll datt da:
    “Elitäre Diskussionen: NUTZLOSE SCHEIßE oder nutzbringender DÜNGER?”

    ->HÄÄÄÄ? Scheiße ist doch Dünger?? trololol
    Also nach dem Motto: Mit Scheiße düngt man doch, also ist sie nicht nutzlos.
    Ich weiß nicht ob es Scheiße gibt die kein Dünger ist. –> Also damit nutzlose Scheiße.
    Naja man munkelt.

    Natürlich nicht für voll nehmen, bin nur drüber gestolpert… und ich wollte nach dem *blablabla mal meckern 😀

    • Klar ist auch Scheiße Dünger, das war durchaus intendiert. Ich hätte auch fragen können Heilkraut oder Unkraut? Oder sagen können “Die Dosis macht das Gift” oder so. Wenn man Scheiße auf den Gehweg legt, düngt sie gar nichts und ist nutzlos. Wirft man sie auf ein Blumenbeet, gibt’s farbenfrohe Blüten 😉

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