Anti-Date-Rape-Drug-Nail-Polish: #Feminismuskritik mit @LeFloid

This article is directed to german YouTube-Star “LeFloid” and thus written in german. My apologies, as soon as I’m back writing, I’ll be publishing something in english again.

Lieber LeFloid,

du hast eine große Fangemeinde die wohl überwiegend eher jünger ist als ich. Sicher ist dir auch bewusst, dass du einen gewissen Einfluss auf einen nicht unwesentlichen Teil deines Publikums hast. Bisher hatte ich stets den Eindruck, dass du dich über deine Themen gut informierst und kurz und knapp das Resultat, stark meinungsgefärbt natürlich, präsentierst.

Keine Jubelschreie für drogenenttarnenden Nagellack

Beim Thema Anti-Date-Rape-Drug-Nail-Polish hast du mich in dieser Hinsicht mehrfach enttäuscht.

Ich versuche dir so gut wie möglich zu erklären warum. Ich möchte vorweg schicken, dass ich mich zu diesem Thema nicht großartig belesen habe, ich habe von dem Zeug bei dir nicht zum ersten Mal gehört, aber das war es eben auch – ich habe schon mal davon gehört. Ausgleichender Weise beschäftige ich mich sonst gelegentlich „mit so Gender-Themen“. Also gebe ich dir einfach meine spontanen Gedanken wieder, warum dieses Zeug nicht ganz so geil ist wie man auf den ersten Blick denken könnte und warum ich es nicht jubelschreiend begrüße (Mir ist also die Ironie bewusst, dass ich dir Uninformiertheit vorwerfe sie aber selbst an den Tag lege).

Mach dich hübsch und enttarne deinen potentiellen Vergewaltiger!

Zum ersten: Das Mittel der Wahl. Nagellack. Also ein „Beauty-Produkt“. Klassischerweise also der stereotypen Frau zugesprochen, die sich sowieso „hübsch“ machen will (muss?). Für die Männer die im gesellschaftskonformen Männlichkeitsbild leben kommt dieser Nagellack zum Schutz vor Vergewaltigungen wohl eher weniger in Frage. Auch sonst gibt es zahlreiche Menschen aller Geschlechter, die mit Nagellack schlicht und ergreifend nichts anfangen könnten. Ich zum Beispiel trage keinen Nagellack.

Warum hattest du keinen Nagellack aufgetragen?

Damit kommen wir zum zweiten Punkt: wie lange wird es dauern, bis Frauen vorgeworfen wird keinen Nagellack getragen zu haben, die unter Einfluss von mit dem Nagellack erkennbaren Drogen vergewaltigt wurden?

Das so genannte victim blaming ist eine allseits beliebte Taktik. „Sie hätte sich ja nicht so aufreizend anziehen müssen.“, „Wenn er nicht einverstanden war, warum hatte er dann eine Erektion?“, „Sie hat mich den ganzen Abend angemacht und sich volllaufen lassen, natürlich wollte sie es auch!“ Das ist übrigens ein Vorgehen welches ich auch darum verachtenswert finde, weil es Männern oft indirekt unterstellt sie wären Tiere die beim Anblick eines spärlich bekleideten Hinterns gar nicht anders können als mit wildem Gebrüll ihrem Fortpflanzungstrieb nachzukommen.

Das Opfer wird zum Handelnden

Punkt zweieinhalb: Das Opfer wird hier zum aktiv handelnden Part gemacht, ihm wird eine Mitschuld an der Tat zugesprochen „Du hättest ja Nagellack tragen können“ ist ein etwa so wie „Du hättest dich ja wehren können.“

Potentiellen Vergewaltigungsopfern (sprich so ziemlich allen Menschen die sich in Kontakt mit anderen Menschen begeben), in diesem Fall insbesondere Frauen wird suggeriert, sie müssten schon bei der Planung eines schönen Ausgehabends im Hinterkopf behalten, dass ihr Körper eventuell das Begehren eines anderen wecken könnte, welcher dann nicht in der Lage ist seine Triebe zu beherrschen und sich den Körper des Opfers mit Gewalt aneignet um sich an ihm zu vergehen. Irgendwie schon scheiße, oder?

„Hast Du dir auch die Nägel lackiert, damit du deine Drinks auf Drogen prüfen kannst, falls dich heute Abend jemand vergewaltigen möchte?“ – wenn das ein Satz ist den du nie zu deiner eventuell irgendwann mal existierenden Tochter sagen willst, dann willkommen im Club. Ich habe eine Tochter und ich möchte sie so etwas niemals fragen. Ich will ihr viel Spaß wünschen und sie ziehen lassen.

Prävention an der falschen Stelle

Es gibt zahlreiche Anlaufstellen für die Opfer sexueller Gewalt. Es gibt kaum welche für potentielle Täter. Aber als Berliner Psychologie-Student ist dir das „Kein Täter werden“ Programm der Charité eventuell geläufig.

Ansonsten wird die Prävention einer Straftat dem potentiellen Opfer übertragen statt z.B. dem Staat. In diesem Fall nicht. Das ist Mist! Es gibt auch schusssichere Kleidung. Trotzdem würde nie jemand auf die Idee kommen, jemanden der angeschossen wurde zu fragen „Hey, warum hattest du keine schusssichere Weste an?“ Bei sexualisierter Gewalt, also Gewalt die in einen der wenigen extrem privaten Bereiche die wir heute noch haben eindringt, ist es Gang und Gäbe, dass solche Fragen gestellt werden.

Warum keine drogenanzeigenden Gläser?

Zum vierten Punkt: der Nagellack macht die Vergewaltigung beziehungsweise den Versuch dieser zu einem individuellen Problem. Nagellack wird in der Regel nicht wirklich wahrgenommen, es obliegt demjenigen der den Nagellack nutzt auf Drogen zu testen und daraus die entsprechende Schlussfolgerung zu ziehen. Dabei ist die Straftat etwas, wobei das Opfer dringend Hilfe von außen benötigt. Dieser Nagellack gibt aber nicht zeitgleich noch einen Signalton oder ähnliches. Das muss das potentielle Opfer übernehmen, welches in dem Moment in dem die Droge im Drink erkannt wird, sicher eher erschreckt als gelassen und cool feststellt „Oh die Person/irgendjemand wollte mich wohl vergewaltigen, na diesen Drink kipp ich dann mal lieber aus.“.

Warum wurden also zum Beispiel nicht Gläser für die Diskos/Bars/… entwickelt welche ihre Farbe wechseln – das ist etwas auffälliger als ein Fingernagel. Oder, wir leben ja schließlich in modernen Zeiten, ein Mikrochip der das Personal informiert?

Wie gelangen die Drogen überhaupt in die Gläser?

Wie schaffen es die Täter eigentlich diese Drogen unbemerkt in die entsprechende Einrichtung zu bringen? Wie sind sie an diese Drogen gekommen? Diese ursächlichen Fragestellungen werden leicht ausgeblendet wenn es „einen Weg gibt mit dem man sich schützen kann“.

Vergewaltigung ist kein individuelles Problem

Ich habe es im vierten Punkt bereits geschrieben und ich tue es hier noch einmal: Vergewaltigung ist kein individuelles Problem, sondern ein krass gesellschaftliches, gerade im Zusammenhang mit Partys oft sogar bis zu einem gewissen Maße akzeptiert. Männern wird beigebracht, dass es völlig okay ist, eine Frau abzufüllen um „Spaß mit ihr zu haben“. Über die Medien (Beispiel: New Girl, Staffel 2, Folge 1, der „Abschleppdrink“), durch Verwandte (männlich wie weiblich),… In den Schulen wird Vergewaltigung regelmäßig zu einem Frauenproblem gemacht (Wie man sich im Falle einer Vergewaltigung verhalten sollte lernt so ziemlich jedes Mädchen. Wie viele Unterrichtseinheiten hattest du, die sich darum drehten wie man nicht zum Täter wird? In denen dir zum Beispiel gesagt wird, dass das Ausbleiben eines „Nein“ nicht automatisch ein „Ja“ ist? Ich hatte keine.). Der Nagellack drückt aber den Opfern buchstäblich das Problem in die Hände „Hier, jetzt könnt ihr euch schützen, nun jammert mal nicht und lasst uns feiern gehen.“

Und welche Droge kommt als nächstes?

<Dieser Absatz ist ein Nachtrag von 05.09.2014, 15:28 Uhr>

Ein weiterer trifftiger Grund ist: sobald dieser Nagellack den Leuten die k.o.-Tropfen einsetzen um zu vergewaltigen wird mit Sicherheit die nächste Droge kommen, die der Nagellack nicht erkennt. Und diese kann unter Umständen noch gefährlicher für die Körper der Opfer sein. Der Nagellack stoppt ja eben nicht die Täter sondern deckt nur eine ihrer zahlreichen Maschen auf – und kann damit unter Umständen zu anderen, möglicherweise gefährlicheren eingesetzten Drogen führen. Kein Täter denkt sich “ach, jetzt entwickeln die Nagellack gegen die Tropfen die ich immer in die Drinks mische um zu kriegen was ich will – warum hat mir bloß keiner vorher gesagt, dass diese Drogen kein legitimes Date-Mitbringsel sind, ich hör dann mal auf damit.” – nein, es folgt die Suche nach dem nächsten Mittel.

<Ende des Nachtrags>

Vergewaltigung ist kein materieller Schaden

Ich höre im Hinterkopf schon die Leute „aber vor Diebstahl kann man sich doch auch mit einem Taschenpieper schützen und viele Leute die Angst vor Diebstählen haben tun das!“ – meine Vagina ist kein Gegenstand, sie ist Teil meines Körpers. Ich bin kein Gegenstand. Eine Vergewaltigung richtet keinen materiellen Schaden an, sondern physischen und psychischen. Ich kenne keine Fallbeispiele von Leuten denen ihr Portemonnaie gestohlen wurde und die jahrelang unter psychischen Folgeschäden leiden – bei einer Vergewaltigung ist das an der Tagesordnung. Oft jahrelange Störungen der Sexualität, Angst- und Panikzustände, Autoaggressionen, Depressionen, Suizid. Das Gefühl der vollkommenen Entehrung und Machtlosigkeit, des Würdeverlustes tritt eben nicht ein wenn dir jemand dein Geld klaut. Das Geld lässt sich recht schnell ersetzen, auch ein eventuell abhanden gekommener Personalausweis oder Führerschein ist zwar ein wenig nervtötend wieder zu besorgen, aber einfach. Einen gebrochenen Willen zu heilen dauert.

Randnotiz: Vergewaltigung als gesellschaftlicher Kostenpunkt

Natürlich ist Vergewaltigung auch ein gesellschaftlicher Kostenpunkt. Da sind zum einen die Kosten der Behandlung der Opfer, die Kosten für Ermittlungen und Gerichtsverfahren, eine eventuell psychische bedingte Arbeitsunfähigkeit des Opfers,… – verringerbare Kosten, wenn man mehr Programme wie das der Charité (welches sich an Pädophile richtet, nicht an potentielle Sexualstraftäter*innen) unterstützen würde statt Drogen erkennenden Nagellack und Pfefferspray in hübscher Lippenstiftform (japp, auch das gibt’s) zu entwickeln.

Der Nagellack bagatellisiert und individualisiert die Tat, er suggeriert, dass die Opfer solcher Vergewaltigungsdrogen vorwiegend Beauty-Produkte nutzende weibliche Menschen sind – und deshalb ist er vielleicht gut gemeint gewesen, aber eben nicht gut durchdacht.

Zu guter Letzt noch zwei Punkte, lieber LeFloid.

1.: Es war weder nett, noch notwendig dass du über die Verballhornung des Ausdrucks „Feminist/in / Feminsten/Feministinnen“ dich über den Feminismus als solches lustig machst. Eigentlich auch nicht dein Stil. Hier bist du wohl auf einen fahrenden Zug aufgesprungen.

2.: Es gab ein feministisches Thema, welches ich für dich für deutlich interessanter gehalten hätte: Die Macherin von FeministFrequency, Anita Sarkeesian, hat Mord- und Vergewaltigungsdrohungen erhalten nachdem sie Sexismus in Games in ihren Videos thematisiert hat (Tropes vs. Women). Heise / The Washington Post u.v.a. berichteten.

Edit: Gerade noch informiert worden, dass sich jetzt auch das FBI eingeschaltet hat (mehr auf Gamesindustry), danke für den Hinweis!

Ich hätte zu dem Thema sicher noch mehr schreiben können, aber dann liest das ja keiner mehr – wenn du Interesse an einer Diskussion hast, habe ich sowohl Skype, als auch ein Telefon als auch eine nette Küche in Berlin 😉

Eine letzte Leseempfehlung noch: Rants and Rambles – And he learned.

Ein schönes Wochenende wünscht dir,

Zesyra

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2 thoughts on “Anti-Date-Rape-Drug-Nail-Polish: #Feminismuskritik mit @LeFloid

  1. Also ich weiß nicht ob LeFloid das so meinte, aber zumindest in dem Punkt, dass man nicht gegen etwas vorgehen muss, nur weil es nicht den gesamten Kern eines Problems löst, kann ich es nachvollziehen. Dieses Produkt, ob man es nun ok findet oder nicht, ist lediglich eine Option. Es geht ja auch niemand gegen automatische Bodenstaubsauger vor, weil damit suggeriert würde, dass eine Hausfrau zu blöd ist mit Technik umzugehen und sie mit dem Staubwedel halbnackt rumhüpfen muss, während der Mann, technikbegeistert ein Gerät programmiert, welches automatisch seine Runden dreht, und dabei niemand das Problem angeht, dass Männer im Haushalt statistisch betrachtet so gut wie gar nix machen.
    Bei einem anderen Punkt deines Textes bin ich unsicher, ob du dich da “in Rage” geschrieben hast, oder wir es tatsächlich unterschiedlich sehen. Ich bin nicht der Meinung, dass eine Frau eine Vergewaltigung mit ihrer Aufmachung provozieren kann … aber: Für jedes Risiko gibt es entsprechende Empfehlungen es zu vermeiden. Wenn sich ein (Neu-)-New Yorker denkt: “Hey, es ist noch so schön warm draußen, ich setz mich mit meinem neuen Notebook in den Harlem Central Park, wenn es dunkel wird beleuchtet mir der Bildschirm ja die Tastatur. Und zur Not hab ich mein 6″-Smartphone neben mir, um die 911 zu rufen.”, dann wird die Polizei ihn schon etwas verwundert fragen was er sich dabei gedacht hat, sofern sie ihn noch lebend antrifft. Mir muss als Mann/Frau klar sein, dass es da draußen vor meiner Wohnungstür Gefahren gibt, vor denen man sich nicht restlos schützen kann, aber das Risiko mit dem Bewusstsein darüber und entsprechendem Handeln etwas minimieren kann. Natürlich darf sich Mann/Frau hübsch machen für die Party, aber warum nicht gemeinsam hingehen?
    Vor dem Nagellack galt m.W.n.: Nimm keine Getränke von Fremden an, lass dein Getränk nicht unbeaufsichtigt. Das sagt nicht aus: Wenn nicht, bist du selbst Schuld. Es sagt: Du kannst nicht alle Gefahren ausschließen, schütze dich so gut es geht.

  2. Ich muss sagen, den Ansatz mit der Prävention bei den Tätern finde ich sehr gut und ich hoffe, dass sich dies auch in die Tat umsetzt, dabei muss ich an einen Fall denken in welchem ein Pädophiler selbst bereits mehrfach darum gebeten hatte psychische Hilfe zu bekommen, weil er eben kein Sexualstraftäter werden wollte, ihm aber keine Hilfe gewährleistet wurde, da (noch) keine Tat begangen wurde.

    Eventuell sollte ein Bürgerbegehren interveniert werden für die Charité?

    Und worin ich Ihnen zustimmen muss ist die Verharmlosung solcher Straftaten, oft wird dann ja noch auf dem Opfer herum gehackt, dass es sich hätte schützen können oder sonstiges, teilweise kommen dann auch mehr als unpassende Kommentare aus dem Bekanntenkreis des Täters.
    (Letztens hatte ich erst von solch einem Vergewaltigungsfall gehört, wo der Täter tatsächlich belobigt wurde von Kumpels etc. >.<)

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